Was der Reitsport für mich bedeutet

Reitsport Thüringen

Manchmal, wenn alles nicht so läuft wie geplant, fragt man sich: Wozu das alles? Wer mit Pferden arbeitet, selbst eines besitzt oder Turniere reitet: Es gibt Tage, da kommen wir an unsere Grenzen. Ein Pferd hat heute andere Pläne, als quietschvergnügt nebenher zu laufen und sich motiviert in die Arbeit zu stürzen. Ein Pferd weiß morgen ganz sicher nicht mehr, dass der Stromkasten da gestern auch schon stand. Ein Pferd weiß manchmal nicht, das Trabstangen eben zum darüber traben sind, nein, lustiger ist es doch, kurz vorher komplett abzubremsen und dann wie ein verwilderter Hase mit allen Vieren dazwischen zu springen und in sich reinzugrinsen. Ja, es gibt so Tage, an denen es nicht möglich ist, zu seinem Pferd durchzukommen. Alles wird wieder und wieder in Frage stellt.

Was ich allerdings nie in Frage gestellt habe ist, den Reitsport jemals aufzugeben.

Was der Reitsport für mich bedeutet

Reitsport ist für mich DIE Möglichkeit an mir zu wachsen, an mir zu zweifeln, zu stürzen und wieder aufzustehen. Immer und immer wieder. Jedes Mal, wenn ich mein Pferd beobachte, wenn ich Unterricht gebe und sehe wie meine Schüler sich entwickeln, wenn ich sehen darf wie unsere Pferde aufwachsen und reifen, bin ich unwahrscheinlich glücklich, Teil dieses Sports sein zu dürfen.

Ich weiß, dass einem im Leben nichts geschenkt wird, dass hart gearbeitet werden muss, um etwas zu verdienen, auch dass das Leben manchmal unfair ist, nicht alle Menschen nett sind und auch nicht alle Menschen der gleichen Meinung sind. Ich persönlich glaube, dass in keinem anderen Sport so viel Missgunst und Neid an den Tag gelegt wird wie im Reitsport. Ganz zu schweigen von Vorurteilen und waghalsiger Besserwisserei. Soziale Plattformen machen es möglich: Jeder weiß es besser. Alle wissen es besser und alle wissen Bescheid. Egal welche Fragen in Gruppen gestellt werden, was für Pferde verkauft, oder welche Lehrgangsvideos geteilt werden. Jeder hat seine Meinung und hält damit auch nicht hinterm Berg. Niemand scheint mehr auf ein respektvolles Miteinander aus zu sein? – Auf was ich hinaus will: Wir sollten aufhören zu diskriminieren, aufhören umgehend zu urteilen, abzustempeln oder ‚klugzuscheißern‘. Wir müssen klar zwischen Tierschutz und Besserwisserei unterscheiden, uns selbst hinterfragen und weiterbilden. Im Reitsport hat keiner ausgelernt. Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, verschiedene Reitweisen ausprobiert und andere Ausbildungswege eingeschlagen. Wir sollten unseren Blick offen halten und nicht voreilig urteilen. Was haben wir davon? Warum fangen wir nicht an, zusammenzurücken, Kräfte und Ideen zu bündeln und miteinander zu arbeiten? Für den Sport, für die Kinder und den Tierschutz? Stelle ich es mir vielleicht zu einfach vor? Auch ich habe noch keine Lösung, aber ich arbeite daran. Mit der DLV Dienstleistungsvereinigung der Pferdebranche möchte ich einen Schritt in die richtige Richtung gehen, unterstützen und helfen, aber auch kritisch sein.

Kontakte und Geld

Es ist doch so viel möglich, nur habe ich das Gefühl, niemand möchte etwas verändern. „Das machen wir schon immer so!“ oder: „Da kommst du nur rein, wenn du den und den kennst“. Kontakte und Geld sind sicher ein hiesiger Türöffner in die Welt des großen Reitsports, keine Frage. Vergangenes Wochenende begleitete ich einen Turnierreiter in Thüringen als Helferin. (Deckenschlepperin, Hole-Ma-Bringe-Ma). Da ich natürlich nicht mehr zu tun hatte, als eine Abschwitzdecke zu tragen, konnte ich mir in aller Ruhe das Treiben im und um den Abreiteplatz anschauen. Ich hatte von Anfang an dieses komische Gefühl, nicht dorthin zu gehören. Nicht dazu zu passen. Misstrauische Blicke klebten an meiner Jeans – wie konnte ich es wagen so eine Veranstaltung zu besuchen und mich NICHT als Reiterin auszugeben? Es war ein merkwürdiges Gefühl, bin ich doch nun inzwischen 18 Jahre in diesem Sport tätig. Ich befürchtete ich bin zu klein und werde ganz sicher gleich niedergetrampelt. Niedergetrampelt von Rang und Namen und deren Verwandten und deren Schwagern und deren Kollegen. Kennst du niemanden bist du raus. Der Reiter, den ich begleitete kannte allerdings einige dieser „Wichtigen“, die wie die Ameisen über das Gelände krabbelten. Niemand machte sich die Mühe mir die Hand zu reichen oder mich zu begrüßen, wenn es zu einem Gespräch kam. Ein kurzer Blick auf meine Jeans und alles schien klar. „Die gehört hier nicht hin. Ist nicht wichtig“. Ich bin mir sicher, hätte ich die neueste Pikeur-Kollektion am Leib getragen, hätte das anders ausgesehen. Oder bin ich jetzt vorurteilig?

Ehrenamt im Reitsport

Mit Ausgrenzung und Vorurteilen kann ich persönlich umgehen, allerdings nicht, wenn es um ehrenamtliche Helfer in der Pferdebranche geht. Wenn ein großer Reitverein aus dem Herzen Thüringens mit fast wöchentlichen Pressemitteilungen, öffentlicher Aufmerksamkeit und enormen politischen Druck weder von Landes- noch von Bundesverbänden des Reitsports weder unterstützt noch beachtet wird, muss etwas schief laufen. Trotz Nachfragen, trotz Terminwünschen, trotz Hilferufen: Ignoranz war das Einzige was er erhielt. Der Reit- und Therapiehof Kinderleicht e.V. aus Stotternheim passte nicht in das Bild des handelsüblichen Reitvereins. Er war es im wahrsten Sinne einfach nicht wert, dass man seine Stimme für ihn erhebt. Mehr hätte es nicht mal gebraucht. Ich frage mich oft, ob es weitere Vereine gibt, denen es so geht… Niemand, der wirklich aktiv mit Pferden zu tun hat, kann einschätzen, was jeder einzelne, jeden Tag mit der Versorgung der Tiere, dem Unterricht, der Koordinierung, der Aus- und Weiterbildung, der Buchhaltung, den Veranstaltungen und der Organisation leistet. Doch woher kommt das Unverständnis? Woher kommt die Unbekanntheit? Liegt es an Thüringen? Wer sind wir hier eigentlich in Thüringen? Was bedeutet Reitsport in Thüringen?

Ich denke, es geht nicht darum was wir haben, sondern darum was wir daraus machen. Also wäre es doch eine Möglichkeit, öfters einmal Danke zu sagen. Nicht mehr nur noch in seiner eigenen Suppe zu schwimmen, sich auszutauschen, den Blick offen halten und sich nicht vor Neuem zu verschließen. Im Reitsport wäre es doch das Verkehrteste, da stehen zu bleiben wo es sich am sichersten anfühlt. Und das meine ich in jeder Hinsicht: Aus- und Weiterbildungen mit und am Pferd, eigenständige Vermarktung, Kooperationen und Netzwerke. Das möchte ich der Branche geben, wenn sie bereit ist, sich darauf einzulassen…

 

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